Einführung - Ben Barkow, Herausgeber
Die Ursprünge der Shoah.
Professor Dan Stone,
Royal Holloway College, University of London
Gefängnisse, Ghettos, Lager: Die Juden in Gefangenschaft im Dritten Reich
Dr Nikolaus Wachsmann
Birkbeck
College, University of London
Millionen von
Männern, Frauen und Kindern wurden im Dritten Reich in Lagern, Ghettos und
Gefängnissen eingesperrt. Allein das Ausmaß dieser Terrorlandschaft, die sich über
das ganze von Nazi-Deutschland beherrschte Gebiet erstreckte, ist erschreckend:
So gab es mindestens 17 verschiedenen Arten von Nazilagern, mit weit mehr als 10.000
einzelnen Haftstätten, die in Bezug auf Funktion, Aufbau und Größe oft stark
von einander abwichen.
Doch trotz aller Unterschiede hatten viele dieser Orte des Schreckens eines
gemeinsam – sie dienten der Internierung von Juden.
Juden wurden schon
zu Beginn der Nazi-Diktatur zur Zielscheibe. Die ersten Konzentrationslager –
Dutzende behelfsmäßige Anlagen – wurden 1933 errichtet, um den politischen
Widerstand in Deutschland zu brechen. Zehntausende mutmaßliche Gegnern, vor
allem Kommunisten, wurden vorrübergehend in diese provisorischen Lager gezwungen.
Unter ihnen waren auch eine Reihe von deutschen Juden. Zwar waren diese
jüdischen Gefangenen meist als Gegner des Regimes verhaftet worden, doch wurden
sie in den Konzentrationslagern deutlich schärfer behandelt als die meisten
anderen politischen Gefangenen. So kam es in den KZs von Anfang an zu
antisemitischen Gewaltexzessen, in denen Juden auf entwürdigende Weise zu
Schwerstarbeit gezwungen, und Opfer schlimmster Misshandlungen wurden.
In den Jahren nach
1933, nach Abschluß der ersten Phase der nationalsozialistischen Machtübernahme,
änderte sich das System der Konzentrationslager grundlegend. Zunächst fiel die
Anzahl der Häftlinge stark ab und die meisten frühen Lager wurden geschlossen.
Aber die KZ verschwanden nicht. Die übrig gebliebenen Lager wurden von den SS
koordiniert, und der Schrecken bekam jetzt System. In der zweiten Hälfte der
Dreißigerjahre wurden dann neue KZs eingerichtet, und die Zahl der Inhaftierten
stieg scharf an, da die deutsche Polizei jetzt immer mehr „soziale Außenseiter“
verhaftete. Zur Zeit des Kriegsausbruchs im September 1939 befanden sich bereits
über 20.000 Häftlinge in den KZs, von denen etwa jeder Siebte den gelben Winkel
der jüdischen Gefangenen tragen musste. Im Jahr zuvor, 1938, hatten die
jüdischen Gefangenen für kurze Zeit sogar den größten Anteil an Häftlingen
ausgemacht: nachdem während des Pogroms vom 9./10. November 1938 polizeiliche
Befehle zur Massenverhaftung männlicher Juden ausgegeben worden waren, wurden schätzungsweise
30.000 Juden in KZs verschleppt, wo sie in überfüllte provisorische Zelte und
Barracken gepfercht wurden. Viele von ihnen wurden Opfer extremer Gewalt, wie
sie bis dato in den Lagern unbekannt gewesen war: am Ende des Jahres 1938 waren
Hunderte der Gefangenen tot. Trotzdem war Mord zu der Zeit noch nicht die Norm
in den KZs und die meisten der verhafteten Juden wurden nach einigen Wochen der
Tortur wieder entlassen. In der Vorkriegszeit überlebte die Mehrzahl der
Häftlinge die Nazilager.
Die
Konzentrationslager waren nicht die einzigen Haftstätten, in denen deutsche Juden
in der Vorkriegszeit eingesperrt wurden. So saßen bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs viele Tausende Juden in gewöhnlichen, von den Justizbehörden
geführten Gefängnissen ein. Viele dieser Gefangenen waren Opfer neuer
antisemitischer Gesetze, die von deutschen Gerichten angewendet wurden. Eine
Reihe von jüdischen Gefangenen war zum Beispiel wegen intimer Beziehungen zu
nichtjüdischen Deutschen verurteilt worden, andere weil sie sich der wirtschaftlichen
Ausplünderung durch das Naziregime widersetzt hatten. In den Justizgefängnissen
waren die jüdischen Häftlinge verschiedenen diskriminierenden Maßnahmen
ausgesetzt, auch wenn körperliche Misshandlungen zu dieser Zeit noch selten
vorkamen. Dennoch wurden die jüdischen Häftlinge später oft Opfer von Gewalt: gegen
Ende der 30er Jahre wurden viele von ihnen nach dem Absitzen ihrer Strafe nicht
mehr aus Gefängnissen in die Freiheit entlassen, sondern stattdessen in
SS-Konzentrationslager abtransportiert.
Mit Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs im Jahre 1939 kam es zu einem Quantensprung im antisemitischen Terror,
der bald Millionen von Juden im ganzen von Nazi-Deutschland beherrschten Europa
erfasste. Die Pläne für eine ‚Endlösung’, wie es im Nazijargon hiess, wurden immer
radikaler und fanden schließlich im Holocaust ihren mörderischen Höhepunkt.
Diese Entwicklung ging mit dramatischen Änderungen bei den
Inhaftierungspraktiken einher. Mehr und mehr Juden wurden eingesperrt und Opfer
von Rohheit, Brutalität und Gewalt.
Unter den neuen Haftstätten
waren Ghettos: bestimmte Gebiete, in denen Juden isoliert vom Rest der
Bevölkerung leben mussten. In der Regel wurden diese Bezirke über kurz oder
lang vollständig durch Stacheldraht und Mauern von der Außenwelt abgeriegelt. In
den Ghettos selbst wurden Judenräte eingesetzt und von den deutschen Behörden gezwungen,
bei der Verwaltung mitzuwirken. Manche der Ghettobewohner waren ortsansäßig,
andere waren Opfer der deutschen Politik der Massenvertreibung und –deportation.
Insgesamt entstanden während des Zweiten Weltkriegs Hunderte von Ghettos. Doch diese
Entwicklung folgte keinem langfristigen Plan der Naziführung. Wie der
Historiker Christopher Browning es ausdrückte, wurden Ghettos „zu verschiedenen
Zeiten auf verschiedene Weise aus unterschiedlichen Gründen auf Initiative
lokaler Behörden“ eingerichtet. Manche entstanden bereits 1939, andere erst einige
Jahre später; in einigen Ghettos waren zehntausende Juden untergebracht, in
anderen nur einige Tausend; manche überdauerten Jahre, andere nur wenige
Wochen.
Die ersten Ghettos
wurden in Polen errichtet, unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch im Jahre
1939. Das größte Ghetto entstand in Warschau und wurde im November 1940
hermetisch abgeriegelt. Bald drängten sich hier 445.000 jüdische Bewohner (März
1941). Polnischen Ghettos wie Warschau wurden nicht errichtet, um die Insaßen
zu töten. Trotzdem führten die dort von den deutschen Behörden geschaffenen
Bedingungen – extreme Bevölkerungsdichte, schwere Zwangsarbeit und
katastrophaler Mangel an Lebensmitteln und anderen lebensnotwendigen Gütern –
dazu, dass die Ghettobewohner massenweise hungerten, erkrankten und starben.
Im Zuge der weiteren
Eskalation der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im Jahre 1941
entstanden auch in vormals sowjetischen Gebieten Ghettos, in die Juden
gezwungen wurden, die die Massenmorde während des deutschen Einmarsches in die Sowjetunion
überlebt hatten. Auch an anderen Orten wurden Ghettos errichtet, etwa in den deutschen
Satellitenstaaten Rumänien und Ungarn, sowie im vom Dritten Reich annektierten
tschechischen Gebiet. Dort wurde Theresienstadt (Terezin) zum Ghetto für
tschechische und andere Juden, u.a. für einige ältere und „privilegierte“
deutsche Juden (z.B. manche Kriegsveteranen). Dies war nicht der einzige
Unterschied zwischen Theresienstadt und anderen Ghettos, und doch waren die Bedingungen
hier nicht weniger schrecklich: Allein 1942 kamen dort über 15.000 Juden um.
Verglichen mit den
Ghettos, waren in den ersten Jahren des Krieges sehr viel weniger Juden in
SS-Konzentrationslagern eingesperrt. Bis ins Jahr 1942 machten Juden nur einen
relativ kleinen Anteil der Gefangenenbevölkerung der KZs aus, die in dieser
Zeit auf insgesamt 70.000-80.000 (Frühjahr 1942) anstieg, unter ihnen mehr und
mehr Ausländer (deutsche Gefangene waren bald in der Minderheit). Insgesamt
wurden die KZ Häftlinge weitaus schlechter behandelt als in den
Vorkriegsjahren. Die Bedingungen wurden immer schlimmer und Mord war jetzt an
der Tagesordnung. Zwischen 1941 und Anfang 1942 kam es dann zum ersten
systematischen Vernichtungsprogramm in den KZ, vorgeblich beschränkt auf kranke
und schwache Insassen, von dem auch jüdische Gefangene erfasst wurden. Das war der
Auftakt zum Genozid in den KZs.
Das Ende der
meisten Ghettos kam in den Jahren 1942 und 1943. Nachdem das Naziregime zur
Politik der systematische Vernichtung europäischer Juden übergegangen war, wurden
jüdische Männer, Frauen und Kinder in verschiedenen „Deportationswellen“ aus
Ghettos (und auch von anderswo) in den Tod geschickt – trotz einiger verzweifelter
Widerstandsversuche. Einige Männer (gelegentlich zusammen mit ihren Familien)
wurden vorübergehend von den Deportationen ausgenommen und blieben in den
Ghettos zurück, die jetzt als „Arbeitsghettos“ deklariert wurden; doch
allmählich wurden auch diese aufgelöst. Unter den größeren Ghettos in Osteuropa
war Lodz das letzte – es wurde erst im Sommer 1944 aufgelöst. Viele Juden aus
den polnischen Ghettos fanden ihren Tod in neu errichteten Vernichtungslagern
(Treblinka, Sobibor, Belzec und Chelmno), die nicht Teil des eigentlichen KZ-Systems
waren; hier gab es kaum Insassen: fast alle der Verschleppten wurden gleich bei
ihrer Ankunft ermordet. Andere Juden wurden von Ghettos in KZs wie Auschwitz
(siehe unten) oder in Zwangsarbeitslager deportiert. Diese Zwangsarbeitslager
waren ursprünglich nach der Invasion Polens errichteten worden, und die Zahl
ihrer Insassen nahm 1942/43 mit der Auflösung der Ghettos zu. In Zwangsarbeitslagern
wurden jüdische Gefangenen buchstäblich zu Tode gearbeitet – allein in den
Lagern des Generalgouvernements kamen nach Schätzungen über 200.000 Insassen
ums Leben. In den letzten Phasen des Kriegs begannen auch die Zwangsarbeitslagern
zu verschwinden. Einige wurden dem KZ-System einverleibt, andere aufgelöst,
wobei die Insassen entweder umgebracht oder anderswo verschleppt wurden.
Die
SS-Konzentrationslagerslager spielten eine immer wichtigere Rolle bei der
Judenvernichtung. Im Zentrum der „Politik der Vernichtung“ (Peter Longerich)
stand das Lager Auschwitz in Ostoberschlesien. Auschwitz war ursprünglich 1940 als
Lager für polnische politische Gefangene eingerichtet worden. Doch die Funktion
des Lagers änderte sich bald: Zwischen 1942 und 1944 wurden mehr als eine
Million Juden hierher verschleppt, die meisten aus Polen und Ungarn, aber auch
aus anderen Teilen Europas – oft aus Polizei- und Übergangslagern wie Drancy
(Frankreich) und Westerbork (Niederlande). Auschwitz war sowohl Vernichtungslager
als auch ein Konzentrationslager, in dem (auch nicht-jüdische) Häftlinge
extremer Brutalität und Zwangsarbeit unterworfen waren. Durch diese
Doppelfunktion hob sich Auschwitz von den übrigen SS-Lagern ab (nur das
kleinere Lager Majdanek funktionierte ähnlich). Doch dies änderte nichts am
Schicksal der nach Auschwitz deportierten Juden – fast alle kamen ums Leben.
Die meisten von ihnen wurden gleich bei ihrer Ankunft ermordet: Nach „Selektionen“
durch die SS wurden sie in den Gaskammern von Birkenau ermordet; die anderen
starben als Opfer der „Vernichtung durch Arbeit“ – nur sehr wenige Juden
überlebten Auschwitz länger als einige Monate.
Das
Konzentrationslagersystem wurde im Krieg ständig erweitert, selbst dann noch,
als das Dritte Reich schon kurz vor dem Ende stand. So erreichte die Zahl der
Häftlinge erst wenige Monate vor Kriegsende ihren Höchststand, mit über 700.000
Insassen (Januar 1945), darunter laut Schätzungen rund 200.000 Juden. Viele von
ihnen erlebten das Ende des Krieges nicht, sondern starben in den KZs, die kurz
vor Kriegsende nochmals ihr Gesicht veränderten. So kam es im Jahre 1944 –
angesichts des immer grösseren Mangels an Arbeitskräften in Deutschland und dem
gleichzeitigen Vormarsch Alliierten – zur Umkehrung einer früheren Direktive
(eingeführt im Herbst 1942), wonach keine Juden in Konzentrationslagern
innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches untergebracht werden sollten. Zehntausende
von jüdischen Häftlingen wurden jetzt nach KZs in Deutschland deportiert, ein Prozess
der immer chaotischer und mörderischer wurde, je weiter sich die deutschen
Truppen zurückzogen. Immer mehr KZ-Häftlingen wurden nun auf Todesmärsche gezwungen,
in Richtung von noch nicht von den Alliierten besetzten Gebieten. Während
dieser „Evakuierungen“ der KZs zwischen Winter 1944 und Frühjahr 1945 starben
zwischen 200.000 und 350.000 Insassen, darunter viele Juden. Die Lage in den noch
bestehenden KZs war katastrophal. Abertausende von Juden wurden hier in den
letzten Monaten von Hitlers Regierungszeit noch zu Tode gearbeitet, oft in KZ Aussenlagern,
deren Zahl 1943/44 stark angestigen war. Zahllose andere jüdische Häftlinge
starben an Hunger, Erschöpfung und Krankheit: Im März 1945 kamen allein im KZ
Bergen-Belsen über 18.000 Häftlinge (hauptsächlich Juden) ums Leben. Eine dieser
Gefangenen war Anne Frank, deren Tagebuch (das sie im Versteck in Amsterdam
zwischen 1942 und 1944 geschrieben hatte), zu einem der bekanntesten Zeugnisse
der Gräuel des Nationalsozialismus geworden ist.
Weiterführende Literatur:
C. Browning, Die
Entfesselung der „Endlösung”: nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942 (Berlin, 2003)
G. Corni, Hitler’s Ghettos (London,
2002)
R. Hilberg, Die
Vernichtung der europäischen Juden (Frankfurt a.M.,
1990)
K. Orth, Das System der
nationalsozialistischen Konzentrationslager (Hamburg, 1999)
F. Pingel, Häftlinge unter SS-Herrschaft
(Hamburg, 1978)
J. Tuchel, Konzentrationslager.
Organisationsgeschichte und Funktion der „Inspektion der
Konzentrationslager" 1934 – 1938 (Boppard a.R., 1991)
S. Steinbacher, Auschwitz (München,
2004)
N. Wachsmann, Hitler’s Prisons (New
Haven, 2004)