Einführung - Ben Barkow, Herausgeber
Gefängnisse, Ghettos, Lager: Die Juden in Gefangenschaft im Dritten Reich.
Dr Nikolaus Wachsmann, Birkbeck College, University of London
Die Ursprünge der Shoah.
Professor Dan Stone, Royal Holloway College, University of London
EINFÜHRUNG
Ben Barkow. Herausgeber
Historischer Hintergrund
Die Wiener
Library ist die älteste Institution der Welt, die eigens zu dem Zweck gegründet
wurde, das Nazi-Regime und seine Verbrechen gegen das jüdische Volk zu
dokumentieren.
Ihr Gründer,
Alfred Wiener (1885-1964) war ein in Potsdam geborener deutscher Jude mit einem
Doktorat in arabischer Literatur, der in den Jahren 1907 bis 1909 den Nahen
Osten bereiste. Nach seinen dortigen Erfahrungen gelangte er zu der
Überzeugung, dass das zionistische Ideal ein Irrtum war und dass die
Bestrebungen, eine Heimat für die Juden zu schaffen, ihnen zur zum Schaden
gereichen würde (diese Meinung änderte er später; er befreundete sich mit
zahlreichen früheren politischen Gegnern und überlegte sogar eine Zeitlang, die
Wiener Library nach Jerusalem zu verlegen).
Nachdem er im Krieg von
1914-1918 gedient hatte (und mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse
ausgezeichnet worden war) beunruhigte ihn das Aufkommen extrem rechter,
antisemitischer Gruppen in Deutschland zusehends. Er trat der größten jüdischen
Menschenrechtsorganisation bei, dem konservativen und anti-zionistischen
Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und widmete sich der
Aufgabe, die deutsche Bevölkerung über die Gefahren des Rechtsextremismus und
des Antisemitismus aufzuklären. Innerhalb weniger Jahre war er innerhalb der
Organisation zu einer hohen Stellung aufgestiegen und wesentlich an der
Formulierung ihrer Zielsetzungen beteiligt. Ab 1925 war Wiener davon überzeugt,
dass die größte rechtsextremistische Gefahr durch Hitlers Nationalsozialisten
drohte. Deshalb konzentrierte er seine Bemühungen auf die Bekämpfung der
Bedrohung durch die Nazis.
Als Teil seiner
Arbeit war Wiener 1928 bei der Initiative beteiligt, ein Büro einzurichten, das
sämtliche verfügbaren Informationen über die Nazipartei, ihre Anführer und ihre
Tätigkeit sammelte. Diese Einrichtung nannte sich Büro Wilhelmstraße, nach der
Hauptstraße im Berliner Regierungsviertel. Das Büro Wilhelmstraße sammelte
Zeitungen, Zeitschriften, Flugblätter, Pamphlete und anderes von den Nazis oder
über sie verbreitetes Material und nutzte dieses als Grundlage für Kampagnen
gegen die Nazis. Ein typisches Beispiel ist ein Aufkleber einer Karikatur von
Hitler mit dem Slogan „Die Nazis sind unser Unglück!“ als Parodie auf den
Nazi-Spruch „Die Juden sind unser Unglück!“ . In den wenigen Jahren seines
Bestehens wurden in dem Archiv rund 200.000 Objekte zusammengetragen –
vermutlich die größte Sammlung von NS-Material zu der damaligen Zeit.
Mit Hitlers
Machtübernahme im Januar 1933 wurde das Büro geschlossen und seine Materialien
kamen in ein Versteck in Bayern. Man nimmt an, dass die Sammlung während des
Kriegs verloren ging oder vernichtet wurde.
Für Wiener war
Hitlers Machtergreifung eine
persönliche Krise. Nachdem er eine Art Nervenzusammenbruch erlitten hatte,
plante er, ins Exil zu gehen. Im Sommer 1933 zog er mit seiner Familie nach
Amsterdam. Dort begegnete er Professor David Cohen, einem führenden Mitglied
der jüdischen Gemeinde dieser Stadt; gemeinsam formulierten sie Pläne zur
Gründung einer Einrichtung, die später als
Jewish Central Information Office (JCIO) bekannt wurde.
Die Zielsetzung
des JCIO war im Grunde die gleiche wie die seines Vorgängers, des Büros
Wilhelmstraße. Ab Beginn des Jahres 1934 brachte es laufend Veröffentlichungen
heraus, manche von beträchtlichem Umfang, die meisten jedoch kurze
vervielfältigte Berichte über bestimmte Probleme oder Vorfälle. Außerdem
veröffentlichte das Office ausführliche Antworten auf drei Ereignisse: den
Prozess von Bern gegen die Verbreiter der so genannten Protokolle der Weisen
von Zion, die Ermordung des Führers der Schweizer Nazi
Wilhelm Gustloff durch den
jungen jüdischen Medizinstudenten, David Frankfurter, und das Pogrom vom 9/10
November 1938, genannt
Kristallnacht.
Nach der
Kristallnacht geriet das JCIO unter zunehmenden Druck von Seiten der
niederländischen Regierung zur Einschränkung seiner Aktivitäten. Für Wiener und
Cohen war dies eine Warnung, dass die Tage des JCIO in Amsterdam gezählt waren.
Im Frühjahr 1939 zog Wiener nach London und begann hier Vorbereitungen zu
treffen, das Büro in Sicherheit zu bringen. Am 1. September 1939 schließlich
öffnete es eine Türen am Manchester Square Nr. 19 in London.
Mehrere seiner
Mitarbeiter, u.a. auch Wieners Gattin, blieben in Amsterdam zurück, weil sie
nach der deutschen Invasion im April 1940 nicht mehr rechtzeitig weg kamen.
Kurt Zielenziger, Wieners Stellvertreter, Bernard Krieg, der Buchführer des
JCIO sowie Wieners Frau und Kinder wurden schließlich verhaftet und ins Übergangslager
Westerbork gebracht, ehe
sie nach
Bergen-Belsen in Deutschland
deportiert wurden. Zielenziger und Krieg starben dort. Obwohl Margarethe Wiener
und die Kinder überlebten und bei einem Gefangenenaustausch im Januar 1945
befreit wurden, war Frau Wiener durch ihre Zeit in Belsen so sehr geschwächt,
dass sie innerhalb weniger Stunden nach dem Grenzübertritt in die Schweiz
starb.
Wiener selbst
verbrachte die Kriegsjahre in den USA. Eine Quelle berichtet, dass er nach
Kriegsausbruch einen zweiten Nervenzusammenbruch erlitt und danach beschloss,
Europa zu verlassen. Mit dem Einfall von Nazideutschland in den Niederlanden
war das JCIO von weiteren Materiallieferungen aus Deutschland praktisch
abgeschnitten. Wiener etablierte in Amerika neue „Nachschublinien“ und
arbeitete auch für englische Regierungsstellen. Das Büro in London wurde seinem
Stellvertreter Louis Bondy überlassen.
Die Arbeit des
JCIO in London bestand im Wesentlichen daraus, verschiedene Regierungsstellen
mit Material zu versorgen, darunter das Informationsministerium, die politische
Informationsabteilung (Political Intelligence Department) des Außenministeriums
und die BBC. Es unterstützte auch die in London etablierten Exilregierungen und
stellte seine Ressourcen jüdischen Organisationen in der ganzen Welt zur
Verfügung. Es gab zwei Zeitschriften heraus,
The Nazis at War und
Jewish News mit Zusammenstellungen von Extrakten
aus Veröffentlichungen und Presseberichten über die politische Entwicklung in
Deutschland und den besetzten Gebieten.
In London kam
auch die Änderung des Namens von JCIO auf Wiener Library zustande. Der Grund
lag darin, dass die Ministerien und Ämter, welche die Dienstleistungen des JCIO
in Anspruch nahmen, eine Abneigung gegen einen Namen hatten, die den jüdischen
Charakter der Organisation betonte. Stattdessen nannte man das Office neutral
„Dr. Wiener's Library“, und schließlich setzte sich diese Bezeichnung als
offizieller Name durch, auch innerhalb des Büros selbst. Nach dem Krieg, als
die Arbeit des JCIO einen immer stärker akademischen Charakter annahm, erschien
dieser Name passend, so dass er schließlich in der Form „Wiener Library“
offiziell bestätigt wurde.
Während der
späten Vierziger- und in den Fünfzigerjahren widmete sich die Wiener Library
mehreren Aufgabenbereichen. Dazu gehörten: Unterstützung der
Verfolgung der
Kriegsverbrecher in Nürnberg , Beistand für
Einzelpersonen, die Entschädigungsforderungen
geltend machen wollten (die Library
beschäftigte über viele Jahre einen Juristen), und Sammeln von Augenzeugenberichten
im Zusammenhang mit den Geschehnissen, die in ihrer Gesamtheit später als
Holocaust oder Shoah bezeichnet wurden. Ab 1946 gab die Library das Wiener
Library Bulletin heraus, das zu einem bekannten Forum für Informationen zu
Forschung, Büchern und Artikeln im Zusammenhang mit der Nazizeit, dem deutschen
Neonazismus, dem Holocaust und dem Rechtsextremismus in Europa wurde. Die
Library hielt ein wachsames Auge auf die deutsche und österreichische
Presselandschaft und veröffentlichte ab 1948 die wöchentlichen Auszüge aus
der deutschen und österreichischen Presse (diese Veröffentlichung ist in
der Serie Testaments to the Holocaust nicht eingeschlossen).
Alfred Wiener
starb 1964 und wurde als Direktor durch Walter
Laqueur ersetzt, einen jungen, ehrgeizigen
Akademiker, der die Aktivitäten und Interessenbereiche der Library ausweitete
und sie zum Forum einer Reihe von Vorlesungen und internationaler Konferenzen
machte, die von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung der Studien zu
Nazideutschland und der Shoah wurden. Die Library war auch der Sponsor von
wissenschaftlichen Untersuchungen von Themen wie dem
November Pogrom, der
Verfolgung der Zigeuner unter den Nazis sowie der Rolle der
Nazi-Propaganda. Viele dieser
Forschungsarbeiten führten zu Veröffentlichungen, die noch heute als
Standardwerke gelten.
Die zahlreichen
und namhaften Leistungen von Laqueur müssen jedoch vor dem Hintergrund einer
allmählich geschwächten finanziellen Position gesehen werden. Um die Mitte der
Siebzigerjahre war die Situation so prekär, dass man sich um Hilfe von außen
bemühen musste. Diese kam von Seiten der Universität Tel Aviv, welche die
Library fünf Jahre lang mitfinanzierte und schließlich einem großen Teil der
Büchersammlung einen sicheren Aufbewahrungsort anbot.
Ab 1980 musste
sich die Library mehrere Jahre lang auf Fundraising und auf den Wiederaufbau
der Sammlung konzentrieren. Im Jahr 1990 war es soweit: Die finanzielle Lage
hatte sich stabilisiert, die Library war wieder voll funktionsfähig. Seit Anfang
der Neunzigerjahre bestand das größte Anliegen der Library unter ihrem neuen
Direktor, David Cesarani, darin, ihre Glaubwürdigkeit als eine akademische
Einrichtung internationalen Rufs wieder herzustellen. Erreicht werden konnte
dies durch zwei Vorlesungszyklen, die zweimal jedes Jahr abgehalten werden,
sowie durch eine Folge wichtiger internationaler Konferenzen zu Themen wie der
Endlösung, der Denazifizierung, Darstellungen des Holocaust und des
Wiederaufbaus jüdischen
Lebens im Europa nach dem Krieg.
Heute bedient die
Library eine Leserschaft, die sich aus akademischen Forschern, Autoren,
Rundfunk- und Fernsehmitarbeitern, Studenten und Schülern zusammensetzt.
Überlebende der Shoah und ihre Familien nutzen die Sammlung, um ihre
Familiengeschichte zu rekonstruieren, die Geschichte der Städte und Gemeinden
zu studieren, aus denen sie stammten, sowie die Ghettos und Lager, in denen so
viele ihrer Angehörigen umkamen.
Die Auswahl der
Unterlagen, die in der Serie Testaments to the Holocaust zur Veröffentlichung
gelangte, hatte zum Ziel, seltenes und einzigartiges historisches Material
einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Original-Nazipropagandamaterial hat Seltenheitswert und kann von Händlern und
an Auktionen nur zu hohen Preisen erstanden werden. Dennoch ist der Zugang zu
diesen Materialien für jeden unerlässlich, der die damalige Zeit ernsthaft
studieren will. Das Lesen von Sekundärliteratur kann die Konfrontation mit dem
authentischen Material niemals ersetzen.
Die Sammlung an
Augenzeugenberichten, die in der Library zusammengetragen wurden, wird von den
Historikern längst als eine unschätzbar wertvolle Quelle angesehen, die einen
Einblick in praktisch alle Aspekte der Shoah bietet. Diese Dokumente sind von
ganz besonderem Wert, weil sie während der 50- und Anfang der 60er Jahre
gesammelt wurden, als das Interesse an der Vernichtung der Juden eher gering
war und als Begriffe wie „Holocaust“ und „Shoah“ entweder noch gar nicht
geprägt waren oder jedenfalls noch keinen Eingang in den allgemeinen Wortschatz
gefunden hatten.
Die
Veröffentlichungen der Wiener Library umfassen die Zeit der frühen Dreißiger-
bis Mitte der Sechzigerjahre. Von daher sind vieles davon Berichte über
Ereignisse in Deutschland und Europa, die sich in der Zeit abspielten. Diese
frühen Dokumente legen auch Zeugnis ab von den jüdischen Bemühungen, sich der
Verfolgung durch die Nazis zu widersetzen.
Die
Veröffentlichungen aus der Nachkriegszeit dokumentieren, wie mit der Shoah in
Zusammenhang stehende Themen allmählich Gegenstand akademischer Diskussionen
und Nachforschungen wurden. Vor allem das
Wiener Library Bulletin bleibt eine
wertvolle Informationsquelle zu praktisch allen Aspekten von Nazideutschland
und der Shoah.
Die Photos
sprechen für sich selbst. Sie wurden wegen ihres Informationsgehalts und wegen
der Unmittelbarkeit ihrer Wirkung mitaufgenommen. Nichts kann den
alptraumhaften Schrecken der Geschehnisse in Europa während des Krieges auf so
eindrückliche Weise belegen wie etwa das Bild eines uniformierten Deutschen,
der sein Gewehr auf eine hilflose Frau richtet, die einen Säugling im Arm hält.
Die Auseinandersetzung mit diesen Bildern ist schmerzhaft, furchtbar und
erschütternd; dennoch ist sie unabdingbar für ein annäherndes Verständnis
dessen, was damals geschah.
In ihrer
Gesamtheit bilden die als Testaments to the Holocaust versammelten
Materialien die Grundlage, Nazideutschland und seine Verbrechen gegen die Juden
aus verschiedenen Perspektiven zu studieren. Sie liefern nicht so sehr
Antworten, sondern vielmehr eine Fülle von Rohmaterialien, anhand derer die
Studenten ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen müssen. Ergänzt durch
geeignete Sekundärliteratur bietet die Sammlung eine einzigartige Gelegenheit,
Einsichten in eine der dunkelsten Perioden der menschlichen Geschichte zu
gewinnen.
Teil I
Propagandamaterial
i) Illustrierte Werke
Die hier
gesammelten Materialien veranschaulichen auf eindringliche Weise die Fülle und
Reichweite der Nazipropaganda und den Erfindergeist, der ihnen zu Grunde lag.
Die Bildbände und Pamphlete sind auf der einen Seite Beispiele von Propaganda
zur Verherrlichung der Nazis und auf der anderen Verleumdungen ihrer
politischen und „rassischen“ Gegner. Ganz besonders auffallend ist die Menge
der Materialien zur Förderung des Persönlichkeitskults um Hitler. Man sieht ihn
auf Paraden, als Redner, unterwegs in der Eisenbahn, in Autos, in Flugzeugen,
beim Eröffnen von Autobahnabschnitten, beim Entspannen in seinem Refugium in
den Bergen, beim
Begrüßen von versammelten
Mengen bei Veranstaltungen und beim
Tätscheln von Kinderwangen. Eine Publikation enthält nichts als photographische
Studien seiner Hände.
Ein anderes
wichtiges Thema ist der Aufstieg Deutschlands aus den Ruinen des Ersten
Weltkriegs und die Wirtschaftskrise der Zwanzigerjahre. Deutschland wird
gezeigt als „zwischen Nacht und Tag“, der Mai 1933 wird als der „erste deutsche
Mai“ präsentiert; man sieht, wie ganz gewöhnliche Menschen sich
dankbar/begeistert den nationalsozialistischen „Rettern Deutschlands“
anschließen. Der Industriearbeiter wird glorifiziert, ebenso der Landarbeiter,
der Straßenbauarbeiter und der Sportler. In sämtlichen Lebensbereichen
triumphiert die Nazi-Ideologie.
In einem
außergewöhnlichen Experiment, das nie wiederholt wurde, versuchten die Nazis
ihren Sinn für Humor zu beweisen: Sie brachten einen Bildband mit harmlosen
Karikaturen von Hitler
heraus. Ein Vermerk im Buch bescheinigt den Buchhändlern, dass der Band von der
Partei genehmigt wurde.
In den frühen
Monaten des Krieges gibt es Material über die
„Befreiung“
der Saar, Österreichs
und des Sudetenlandes.
Neben den
jubelnden Bildern über Fortschritte und Siege der Nazis finden sich auch
andere, beängstigendere: ein Band zeigt die ständige Bereitschaft der Polizei,
mehrere legen Zeugnis ab vom Ausbau der bewaffneten Streitkräfte; ein Werk ist
dem Feind gewidmet: der Un(ter)menschlichkeit im Osten. Dieses groteske, von
der SS herausgegebene Werk enthält grauenvolle Bilder von verstümmelten Leichen
und verhungerten Kindern und die Botschaft, dass die Nazis heldenhaft kämpfen,
um zu verhindern, dass solche Gräuel auf deutschen Boden übergreifen.
Mehr als alle
übrigen Propagandaobjekte der Sammlung veranschaulicht dieses Werk den
seelenlosen Zynismus der Naziherrschaft.
ii)
Nazi-Kalender
Diese Sammlung
von Kalendern,
herausgegeben von NS-Organisationen, ist ein weiterer Beweis der Bedeutung, die
das Dritte Reich der Propaganda beimaß. Gezeigt werden Beispiele von Kalendern
der Hitlerjugend, der SA, der SS, des Amts für Rassenpolitik, der
NS-Organisation „Kraft durch Freude“ und anderer.
iii)
Antisemitische Enzyklopädie
Sigilla Veri (Siegel der
Wahrheit), ein äußerst seltenes judenfeindliches Lexikon, war das Werk von
Philipp Stauff, der daneben auch ein Nachschlagewerk mit dem Titel Semi-Kürschner
herausbrachte, dessen Titel an Joseph Kürschners literarischen Jahreskalender,
den so genannten Kürschner, mahnt. Das „Semi-“ im Titel bezieht sich auf die
„Semiten“; Stauffs Lexikon war stark antisemitisch geprägt. Das Werk Sigilla
Veri wäre vermutlich der Vergessenheit anheim gefallen, wenn es nicht durch den
U-Bodung Verlag entdeckt und veröffentlicht worden wäre, dessen Besitzer,
Ullrich Fleischhauer, sich als Zeuge der Verteidigung im Prozess von Bern
(1935) einen Namen machte, bei dem er die Authentizität der berüchtigten
antisemitische Fälschung, Die Protokolle der Weisen von Zion, nachweisen
wollte. Fleischhauer war auch Verleger der Zeitschrift
Weltdienst, die ebenfalls radikal
antijüdisch war. Fleischhauer wurde mehrere Jahre lang insgeheim von der Nationalsozialistischen
Partei finanziert, genau wie eine Reihe ähnlicher Organisationen. Im Lauf der
Zeit wurden diese Organisationen der Propagandamaschinerie von Joseph Goebbels
einverleibt.
Das Lexikon
Sigilla Veri sollte in sechs Bänden erscheinen, wovon jedoch schlussendlich nur
vier fertig gestellt wurden. Der fünfte, der Teil dieser Sammlung ist, ist eine
große Rarität; er wurde mehrere Jahre nach den anderen erstellt. Er ist
unvollständig und bricht in der Mitte des Eintrags zu Walter
Rathenau abrupt ab.
Das Werk wurde
nie in Buchhandlungen zum Verkauf angeboten. Es konnte nur direkt vom Verleger
bestellt werden. Jeder, der ein Exemplar kaufte, musste eine Erklärung mit
folgendem Wortlaut unterschreiben: „Ich bin nicht jüdischer Abstammung, habe
weder jüdisches Blut noch jüdische Verwandte. Ich verpflichte mich dazu, dieses
Werk nicht zu verkaufen oder zu verschenken. Ich gebe mein Ehrenwort, dass ich
nicht als Strohmann für jemanden agiere.“
iv)
Hitlerjugend
Propaganda, die
auf Kinder und Jugendliche abzielte, hatte für die Nazis einen ganz besonderen
Stellenwert. Hitler wollte „eine gewalttätig aktive, unerschrockene, grausame
Jugend“ ohne allzuviel Bildung: „Das Wissen verdirbt meine jungen Männer“.
Der Großteil der
Veröffentlichungen in der Sammlung bezieht sich auf die
Hitlerjugend durch eine
Schrift aus der Ostmark (dem annektierten Österreich) vertreten.
v)
Liederbücher
Das Naziregime
sah Singen und Lieder als ein Instrument zur Machtausübung. Die gesammelten
Liederbücher wurden von verschiedenen Organiationen herausgegeben: Partei, SA,
SS, NSBO, NS Frauenschaft. Die Texte verherrlichen die Verdienste des Reiches
und des Führers und kündigen die Vernichtung der Rassenfeinde an.
Diese Lieder
sollten die jungen Genossen in Kameradschaftlichkeit vereinen und ihr
bedingungsloses, inbrünstiges Engagement für das Regime stärken; andere – nicht
veröffentlichte – Lieder wurden in den Konzentrationslagern als Mittel der
Entmenschlichung und zur Demoralisierung der Häftlinge eingesetzt. Viele der
Lager, u.a. das deutsche KZ Buchenwald und das polnische Vernichtungslager
Treblinka, hatten ihre eigenen Lieder. Die Häftlinge mussten diese Lieder beim
Marsch zur und von der Arbeit singen; auf ihrem Weg zu den Hinrichtungen wurden
sie sogar musikalisch begleitet.
Es ist irgendwie
charakteristisch für das Naziregime, dass es sogar die Musik, die doch für die
meisten Menschen Trost und Freude spendet, als ein Mittel für Folter und Qual
missbrauchte.
Schulbücher
Die Einschleusung
der Nazi-Ideologie in das deutsche Schulwesen war eine der schlimmsten und
schädlichsten Methoden des Regimes, das Denken der Bevölkerung zu
monopolisieren.
Selbstverständlich
gab es durchaus auch Material von der Art, wie es an Schulen auch vor der
Nazizeit und danach benutzt wird: Auch deutsche Kinder lernten Dinge wie andere
Kinder auf der ganzen Welt auch. Doch ein Blick in die Naturkundebücher zeigt
sofort, wie stark der Lehrstoff von der Ideologie verformt wurde.
Der Giftpilz ist nichts
anderes als eine Dämonisierung der Juden.
Der
Pudelmopsdackelpinscher spricht
über die Gefahr der Vermischung verschiedener menschlicher „Rassen“.
In der
Sammlung befinden sich auch Geschichts-, Mathematik-, Geographie- und
Lesebücher sowie Malbücher für kleine Kinder, Liederbücher für Kinder und
theoretische Abhandlungen für Lehrer.
Was für eine
Wirkung hatte die NS-Erziehung auf die jungen Gemüter? Die Antwort findet sich
in einem schlanken Bändchen mit dem Titel
Einführung
in die Vererbungslehre. Gegenüber
der Seite 20 befinden sich zwei Photos. Das obere zeigt einen kunterbunt
zusammen gewürfelten Haufen schäbig gekleideter Jugendlicher, die eher wie
verwahrloste geistig behinderte Patienten oder eine kriminelle Bande aussehen.
Die Unterschrift lautet: „Sollen die jungen Deutschen so aussehen?“ Das untere
Bild zeigt gut gebaute junge Männer in Shorts, mit freiem Oberkörper, auf einem
Marathon über Land. Die Unterschrift: „Oder so?“ Die Aussage ist
unmissverständlich: Die „rassisch“ Degenerierten im oberen Bild werden
Deutschland zerstören, wenn ihnen nicht Einhalt geboten wird.
Mit Bleistift
steht zwischen den beiden Bildern der handschriftliche, vermutlich von einem
Schüler angebrachte Vermerk: „Erschiessen!!“
Teil II
Augenzeugenberichte
Unter dieser Überschrift
sind zwei Sammlungen vereinigt. Die erste wurde in den Wochen und Monaten nach
dem Novemer-Pogrom von 1938 zusammen getragen und enthält
Berichte, deren Umfang
von wenigen Zeilen über mehrere Seiten reicht, manche mit Unterschrift
versehen, andere anonym. Diese Dokumentation ist extrem wertvoll, da sie aus
der Zeit unmittelbar nach dem Pogrom stammt, in vielen Fällen einen Tag oder
zwei danach.
Die zweite, sehr
viel größere Sammlung wurde über mehrere Jahre seit 1955 gesammelt. Sie
beinhaltet die meisten Aspekte der Judenverfolgung durch die Nazis, angefangen
von vereinzelten Übergriffen gegen Individuen zu Beginn des Jahres 1933, über
die Inhaftierung von rund 30.000 jüdischen Männern nach dem November-Pogrom bis
zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern in Polen während des Krieges.
Manche der Berichte basieren auf persönlichen Interviews, andere wurden von
Augenzeugen eigens für die Sammlung verfasst, bei anderen handelt es sich um
zeitgenössische Briefe und andere Unterlagen, die von Augenzeugen eingereicht
wurden.
Erstaunlich für
diesen Teil der Sammlung ist der Zeitraum, aus dem er stammt. Während der
Fünfzigerjahre erlebte das Interesse am Holocaust eine Ebbe: Die meisten
Menschen, nicht zuletzt die Überlebenden, wollten vergessen und ein neues Leben
aufbauen. Deshalb war dieses Jahrzehnt, im Vergleich zu den Siebziger-,
Achziger- und Neunzigerjahren die Zeit der „Stille“. Das Motto war „Vergessen“.
Die Gruppe derer, die sich entschlossen, in dieser Zeit einen Beitrag zu
leisten, widersetzte sich diesem Trend. Ihre Zeugnisse sind deshalb in mancher
Hinsicht wertvoller als jene, die später gesammelt wurden.Die Erinnerungen
waren in den Fünfzigerjahren noch frischer, die Geschichten noch nicht durch
Wiederholung abgenutzt. Auch waren diese Berichte noch nicht von der
gesellschaftlichen Haltung geprägt, die heute der Shoah gegenüber eingenommen
wird. In der Tat findet sich in dieser Sammlung kein Hinweis auf die Begriffe
„Holocaust“ oder „Shoah“ - denn diese waren zu der Zeit noch nicht in Gebrauch.
Viele der Berichte überraschen durch ihren ironisch anmutenden Ton, ja sogar
Anflug von Humor. Erklären lässt sich dies am ehesten als ein Mittel der
Distanzierung, als Schutzmechanismus, um mit der unerträglich schmerzhaften
Erinnerung überhaupt umgehen zu können. Manche Verfasser schreiben eine ganz
einfache Sprache, andere verwenden einen gehobenen literarischen Stil. Das
Material ist unglaublich faszinierend und zutiefst ergreifend. Es ist ein
großes Mahnmal für das Leiden und den Mut der Betroffenen.
Die
Augenzeugenberichte folgen der Reihenfolge der ursprünglichen P-Schema-Datei:
Zu Anfang jedes Augenzeugenberichts steht die dazugehörige Indexkarte aus der
P-Schema-Datei; bitte beachten Sie, dass diese Karten möglicherweise eine
fehlerhafte Angabe bezüglich der Anzahl Seiten des betreffenden
Augenzeugenberichts enthalten.
Alle, die diesen Teil der
Sammlung konsultieren, sollten berücksichtigen, dass die Augenzeugenberichte
mit einer Vielzahl unterschiedlicher Stifte und Tinten auf unterschiedliches
Papier geschrieben oder gedruckt wurden; teilweise sind die Blätter sehr dünn,
so dass die Schrift auf die Rückseite durchschlägt. Viele sind
verfärbt, verwässert oder befleckt, weshalb die Originaldokumente zum Teil nur
schwer zu entziffern sind.
Teil III
Veröffentlichungen
der Wiener Library
Der Hintergrund
der Entstehung dieser Veröffentlichungen wird im ersten Teil dieser Einführung
erläutert. Die Materialien fallen in drei Zeiträume. Den Anfang machen die
Materialien, die in der Amsterdamer Zeit der Library erstellt und verbreitet
wurden. Danach folgen die zwei periodischen Veröffentlichungen, die während des
Krieges in London herauskamen, und zuletzt die nach dem Krieg entstandenen
Veröffentlichungen, darunter vor allem das
Wiener
Library Bulletin Dieses wurde von C.C.
Aronsfeld herausgegeben, der auch die meisten der nicht signierten Artikel
verfasste. Das Bulletin war eine sehr einflussreiche Veröffentlichung,
das einzige Forum über lange Zeit im Vereinigten Königreich für die akademische
Debatte zu Themen im Zusammenhang mit der Shoah. Viele der Beiträge stammen von
Autoren, die sich später einen Namen machten. Dieses Schriftgut bleibt eine
unschätzbare Quelle für viele kaum bekannte Episoden im Zusammenhang mit dem
Krieg, Nazideutschland und der Judenverfolgung sowie mit dem Rechtsextremismus
der Nachkriegszeit.
Alle
Interessierten, die diesen Teil der Mikrofilm-Edition konsultieren, werden
darauf hingewiesen, dass die Qualität der Original-Artikel und Berichte exakt
reproduziert worden ist. Deshalb ist auch die Qualität der einzelnen
Mikrofichen sehr unterschiedlich.
Teil IV
Photographien
Die
photographische Sammlung deckt eine Vielzahl von Perioden und Themen ab. Die
ersten Materialien stammen aus der Zeit vor der Naziherrschaft; es sind zumeist
Familienalben, die das
häusliche Leben der zentraleuropäischen Juden – vor allem des wohlhabenden
Bürgertums – dokumentieren. Danach folgen allgemeinere Bildzeugnisse des Lebens
während der Weimarer Republik, einschließlich der sozialen Unruhen und der
durch Arbeitslosigkeit und Inflation verursachten Armut. Danach kommen Bilder
aus den Wahlkampagnen der Nazis, von Hitler als Redner und Bilder aus der Ära
der Naziherrschaft.
Der jüdische Alltag wird
außerdem in einer Sammlung von Postkarten und Photographien europäischer
Synagogen gezeigt, von denen viele im
Krieg (oder bereits davor, im November-Pogrom) zerstört wurden. Ferner
existiert auch eine vom Jewish Central Information Office in Amsterdam
zusammengestellte Sammlung von Gedenkstätten zu Ehren jüdischer Opfer des
Ersten Weltkrieges. Sie hatte das Ziel, die häufig vorgebrachte
Anschuldigung zurückzuweisen, die Juden hätten während des Ersten Weltkriegs
den Dienst an der Front gescheut und sich an sicheren Positionen weit weg von
der Front aufgehalten. In Wahrheit hatte die jüdische Bevölkerung
verhältnismäßig den gleichen Anteil an Kriegstoten zu beklagen wie die übrige
Bevölkerung Deutschlands.
Die Verfolgung
der Juden durch die Nazis wird in einer Reihe von schrecklichen (zum Teil fast
unerträglich schrecklichen) Bildern festgehalten. Sie zeigen Aktionen der
Einsatzgruppen, Todestrupps,
die unmenschlichen Bedingungen in den Ghettos – und schließlich die
Konzentrationslager.
Auch die Arbeit
mit Displaced Persons (DP, zu
deutsch Verschleppte) ist dokumentiert.
Der Phototeil endet mit zwei Sammlungen biographischer Indexkarten
(meist illustriert) der wichtigsten Persönlichkeiten in der Nazipartei, dem
Militär und der SS-Hierarchie
Es sei darauf hingewiesen, dass
das beträchtliche Alter der Photographien sowie ihr teilweise fragiler
teilweise schlechter Zustand die Qualität beeinträchtigt.
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