Einführung - Ben Barkow, Herausgeber
Gefängnisse,
Ghettos, Lager: Die Juden in Gefangenschaft im Dritten Reich.
Dr Nikolaus Wachsmann, Birkbeck
College, University of London
Die Ursprünge der Shoah
Professor Dan Stone
Royal Holloway
College, University of London
Der israelische
Historiker Dan Michman unterscheidet zwei Fragenkomplexe, die gestellt und
beantwortet werden müssen, um die Shoah (auch: „Holocaust“) aus historischer
Sicht zu konzeptualisieren und zu erklären. Der erste Komplex umfasst die
„Grundfragen“: War die Shoah ein isoliertes, einzigartiges Phänomen oder
vielmehr Teil einer weiter gespannten Problematik? Was ist das wesentliche
Merkmal, das die Shoah von anderen Geschehnissen unterscheidet, auch von jenen,
die mit ihr in Zusammenhang stehen? Welches war die Zeit der Shoah? Diese
Fragen werden an anderer Stelle behandelt. Wir hingegen wollen hier die Fragen
des zweiten durch Michman identifizierten Fragenkomplexes behandeln: Wo sind
die „Wurzeln“ der Shoah zu suchen? Und: „Welches waren die exakten historischen
Umstände, die dieses Ereignis möglich machten?“ Michman bemerkt richtig, dass
man sich dem zweiten Fragenkomplex erst zuwenden kann, wenn der erste beantwortet
wurde; deshalb ist es angebracht, auch ohne hier weiter ins Detail gehen zu
wollen, die Shoah zunächst einmal zu definieren als: „den ideologisch
gesteuerten, vom Staat systematisch betriebenen Versuch zur Vernichtung der
Juden und Zigeuner Europas in den Jahren 1941-1945“. Selbst wenn diese
Definition in Frage gestellt werden kann, so genügt sie doch an dieser Stelle,
um die Verlagerung des Schwerpunkts auf den zweiten Fragenkomplex sinnvoll zu
machen.
Bedeutsam ist die
Tatsache, dass Michman nicht ganz einfach fragt: Was sind die Ursprünge (oder
Gründe) der Shoah? Statt dessen will er die „exakten historischen Umstände“
ermitteln, die den Holocaust möglich machten. Dies erinnert uns daran, wie
schwierig es für den Historiker ist, der Frage nach der Ursächlichkeit
(Kausalität) nachzugehen. Im Fall eines Phänomens wie der Shoah, das zunächst
der Definition durch den/die HistorikerIn bedarf, ehe er/sie zu einer Erklärung
ansetzen kann, ist dies vielleicht unmöglich oder bedarf zumindest der ständigen
Revision. Wir sollten uns hier an Hannah Arendts Behauptung erinnern, der
Begriff der Ursächlichkeit widersetze sich der historischen Erklärung, weil der
Historiker es ja mit Zufällen zu tun hat und sich mit einer Zukunft
auseinandersetzen muss, die stets offen bleibt. Dies kommt daher, dass die
Zuschreibung der Ursächlichkeit den Ereignissen und Vorgängen einen
Determinismus aufzwingt, der dem Wesen der geschichtlichen Freiheit entgegen
steht: „Der Glaube an die Kausalität ist, anders ausgedrückt, die Methode des
Historikers zur Verleugnung der menschlichen Freiheit, welche innerhalb der
Politik- und Geschichtswissenschaft den Menschen befähigt, einen Neuanfang zu
machen.“ Aus diesem Grund mied Arendt in ihrem Hauptwerk, Elemente und
Ursprünge totaler Herrschaft (1951) ausdrücklich das Konzept der Kausalität
oder Verursachung im strengen Sinne des Wortes und sprach stattdessen von
„Elementen“, die sich „kristallisierten“, um das fragliche Ereignis oder
Ergebnis (den Totalitarismus) zu bewirken. Bevor es in Erscheinung tritt,
existiert das Phänomen nicht in einer „essentiellen“ oder rudimentären Form, so
dass hier auch nicht von einem „allmählichen Herausschälen“ von etwas
gesprochen werden kann, das sich dann als unausweichlich herausstellt. Bei
unserem Versuch, die „Ursprünge“ der Shoah aufzudecken, wollen wir diese
Methode anwenden, nämlich die einzelnen Elemente aufspüren, die eine
unerwartete Verbindung eingingen.
Die Historiker
haben die Ursachen des Holocaust in einer Menge von kurz- und langfristigen Faktoren
gesucht. Zu den längerfristigen Faktoren gehören die Einigung Deutschlands und
die mutmaßliche Entstehung des Nationalsozialismus als einer Weiterentwicklung
des Preußentums; die durch die rasche Modernisierung Deutschlands verursachten
Umbrüche und Umwälzungen, die den Juden als den vermeintlichen Trägern der
„Moderne“ angelastet wurden; das Fehlen einer demokratischen Tradition in
Deutschland sowie die lange Tradition des Antisemitismus; die Auswirkungen des
Ersten Weltkriegs; die bolschewistische Revolution in Russland und das
Aufkommen des Kommunismus; und insbesondere die Wirkung der unerbittlichen
Bedingungen des Versaillervertrags; die „Dolchstoßlegende“, wonach jüdische und
kommunistische Verräter dem deutschen Heer in den Rücken gefallen seien; der
Spartakusaufstand von 1918 sowie das wirtschaftliche Chaos und die fehlende
Legitimation der Weimarer Republik. Als kurzfristige Faktoren seien genannt:
die NS-Logik und Hitlers Zwangsvorstellungen; die Situation der Nazis in den
Jahren 1941-1942, als sich der Krieg gegen sie zu wenden begann; die
„kumulative Radikalisierung“ der NS-Politik, besonders während der Kriegszeit;
der innere Machtkampf zwischen Institutionen und Ämtern im Dritten Reich und
den annektierten Ländern; die Unfähigkeit der Besatzungsmächte, in den
besetzten Ostgebieten sowohl die Wehrmacht als auch die einheimische
Bevölkerung zu ernähren; das Rassendenken der Nazis und der mystische
tausendjährige Antisemitismus, der die Welt als einen kosmischen Kampf zwischen
der arischen Rasse und den nichtarischen Rassen sah – und die Juden als den
Weltfeind.
Immer wieder werden
von den Historikern die Details des Entscheidungsprozesses für die „Endlösung“
aufgerollt; inzwischen gibt es sogar chronologische Berichte, anhand derer sich
die Ereignisse Tag für Tag verfolgen lassen. Diese Nachforschungen vermitteln
uns eine Menge von Informationen darüber, was wann passierte, häufig jedoch
ohne eine Erläuterung der Gegebenheiten und der ideellen Vorbedingungen, die
den Rahmen dazu bildeten, sei es im Zentrum der Macht (Himmler und Heydrich)
oder an der Peripherie bei den Führern der Sonderkommandos oder den Truppen.
Deshalb will ich mich hier auf zwei notwendige Voraussetzungen für die
Entwicklung der „Endlösung“ konzentrieren: Rassendenken und Antisemitismus.
Ganz gleich ob sie bei der bekanntesten Debatte der Holocaust-Historiografie
von der „intentionalistischen“ oder der „strukturalistischen“ Seite her kommen,
sind sich die meisten Historiker darin einig, dass der Weg nach Auschwitz kein geradliniger
war. Das heißt, es gab vor 1941 keine vorgefertigte Schablone für die
Endlösung; vielmehr lässt sich der fortlaufende Prozess der Radikalisierung,
der zu dem Genozid führte, nur vor dem Hintergrund der Nazi-Ideologie erklären.
Auch wenn vor 1941 kein eigentlicher Plan zur Tötung der europäischen Juden
bestand, so war doch die NS-Logik und die Fantasien, die dieser zu Grunde
lagen, von Anfang an auf Genozid angelegt.
Es gibt eine
riesige Menge Literatur zur Entwicklung des Rassendenkens, die zum Großteil
(vor allen in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg) durch ein teleologisches
Anliegen, den Nationalsozialismus zu erklären, motiviert war. Es soll gleich
von Anfang an klar gestellt werden, dass es keine notwendige Linie gibt, die
von Buffon, Linnäus und Blumenbach – den Begründern der modernen physischen
Anthropologie des 18. Jahrhunderts – zu Fischer, Verschuer und Mengele (den
bekanntesten der Nazi-Anthropologen) verläuft. Im Gegenteil: Eine Betrachtung
der deutschen Anthropologen des späten 19. Jahrhunderts lässt deren Ansichten
über Rasse im Vergleich zu ihren britischen und amerikanischen Kollegen als
sehr liberal erscheinen. Dennoch mutet es absurd an, den Holocaust ohne einen
Verweis auf das Rassendenken deuten zu wollen. Die Nazis waren von der Idee der
Rasse beherrscht, weshalb das Dritte Reich zu Recht als „der Rassenstaat“
bezeichnet worden ist.[1]
Ziel der Nazis war
es, eine Volksgemeinschaft zu schaffen, aus der Artfremde ausgeschlossen waren.
Die Nürnberger Gesetze von 1935 und das 1939 eingeführte Euthanasieprogramm
verkörpern diesen zweigleisigen Versuch der Erreichung rassischer Reinheit
innerhalb der arischen Rasse und Verhinderung der Verunreinigung durch andere,
vermeintlich gefährliche Rassen, wie vor allem der Juden. Zu diesem Zweck
wurden sehr schnell Rassenforschungseinrichtungen gegründet, etwa das Institut
zur Erforschung der Judenfrage oder das Rasse und Siedlungshauptamt der SS
(RSHA). Bereits bestehende Forschungsstätten wurden nazifiziert, namentlich das
Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik
(KWIA). Viele Anthropologen passten sich der Nazi-Ideologie an, ein Prozess,
der ihnen angesichts der bereits verbreiteten Theorien über rassische
Hierarchien und Unterschiede wohl nicht allzu schwer fiel, auch wenn nur wenige
von ihnen überzeugte Nazis waren. Eugenik, Euthanasie und die Selektion von
„rassisch wertvollen“ osteuropäischen Kindern, die dann in Deutschland erzogen
werden sollten, wurden zu ganz normalen Praktiken. Die Idee der „rassischen
Eignung“ und die Ausrottung oder Vernichtung anderer Rassen, seien dies Juden,
Sinti, Roma oder Slawen, wurden die beiden Hauptelemente der NS-Rassenpolitik.
Die Rassenpolitik war untrennbar mit allen Aspekten der Innen- und Außenpolitik
verbunden, und fanden ihren Niederschlag in der „Arisierung“ jüdischer
Geschäfte und der Forderung nach Lebensraum.
Manche Gelehrte
behaupten, die Anthropologen hätten zunächst die theoretischen Grundlagen
geschaffen und anschließend das Streben der Nazi nach rassischer Homogenität
vorangetrieben. Sie verweisen dabei vor allem auf Männer wie Mengele, der eine
Laufbahn als Anthropologe mit seiner Stellung als SS-Arzt in Auschwitz
vereinbarte. Doch liegt zu Tage, dass die Anthropologen und Rassentheoretiker
von den Nazi eher geduldet als inspiriert wurden. Und obgleich sich zwischen
dem Euthanasieprogramm und der Aktion Reinhard (der Vernichtung der Juden in
den Todeslagern von Chelmo, Sobibór und Belzec) klare Verbindungslinien in
Bezug auf Ideengut, Technik und Personal aufzeigen lassen, so dass der
Judenmord als Teil eines umfassenderen NS-Plans für die demographische
Neugestaltung Europas angesehen werden muss, bedeutet dies keineswegs, dass der
Holocaust als die direkte Konsequenz des Rassendenkens gesehen werden kann. Das Dritte Reich war nicht das einzige Land, in dem die
Eugenik-Bewegung oder das Rassendenken einen wichtigen Stellenwert einnahmen. Das Rassendenken war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Bestandteil der Gesellschaft in England, den USA und vielen anderen Ländern in
der ganzen Welt – von China bis Lateinamerika. Deutschland war jedoch das
einzige, das einen rassisch begründeten Genozid verübte.
Und dies bedarf einer zusätzlichen
Erklärung. Zweifellos kam dem Rassendenken und der Anthropologie in
Nazideutschland eine große Bedeutung zu, und sie waren wesentliche Faktoren,
die zum Genozid führten. Doch der Nationalsozialismus als Ideologie bezog seine
Weltanschauung nicht von der Wissenschaft, ebenso wenig wie die Nazi ihre
Dreckarbeit von den Wissenschaftlern verrichten ließen, auch wenn sie ihre
willige Mithilfe nicht ausschlugen. Hitlers Antisemitismus ging auf die
Nachkriegsstimmung in Wien zurück, die von dem Judenhass durchsetzt war, der
von früheren antisemitischen Politikern wie Georg von Schönerer und Karl Lueger
angeheizt worden war. Hitler und andere frühe Nazi standen weniger unter dem
Einfluss von Rassenwissenschaftlern als unter dem der Rassenmystiker wie Paul
de Lagarde, Julius Langbehn, Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain
Nazi-Ideologen wie Alfred Rosenberg, Hans F. K. Günther, Ernst Krieck, Alfred
Bäumler und Walter Gross begründten die
Notwendigkeit der Reinheit der arischen Rasse damit, dass dies eine
Homogenisierung und damit ein Wiederaufleben einer völkischen Gemeinschaft
herbeiführen würde, die degeniert und dekadent geworden war. Für diese
Degenerierung machten sie im Wesentlichen die Juden verantwortlich.
Die öffentliche Meinung geht
davon aus, dass die Tötung der Juden durch die Nazis deren antisemitische Motivation
beweist. Für den Nichtfachmann ist es deshalb oft verwunderlich,
dass viele Akademiker anderer Ansicht sind. Auf jeden Fall muss von Anfang an
klar gestellt werden, dass nur eine kleine Zahl von Nazis – ganz zu schweigen
von der deutschen Bevölkerung insgesamt – radikale Antisemiten waren, die an
eine jüdische Weltverschwörung glaubten. So wurde beispielsweise Alfred
Rosenbergs Hauptwerk, Der Mythus des 20. Jahrhunderts, noch seltener
gelesen als Mein Kampf. Trotzdem lag einem Großteil der Nazipolitik ein
radikaler, mystischer Antisemitismus zu Grunde, der sich in allen Bereichen
durchsetzte, angefangen von der theoretischen Physik bis in die Modeindustrie –
und natürlich in der Judenpolitik im engeren Sinne. Ob in den Schulen (Reels 24 and 25) oder in der
allgemeinen Öffentlichkeit (Reels 18-20),
Antisemitismus war das Kernstück des Dritten Reiches. Obwohl also das
Abrutschen in den Genozid als ein Tag für Tag fortschreitender Prozess gesehen
werden muss, der von den Geschichtswissenschaftlern akribisch rekonstruiert
werden kann, so muss man sich dennoch bei der Betrachtung der damaligen
Tendenzen in Deutschland – und in Europa, denn schließlich war der Holocaust
ein europäisches Phänomen – bewusst sein, dass der kurzfristige
Entscheidungsprozess nur dann erklärbar ist, wenn er in einen zeitlich
umfassenderen und ideologisch breiteren Rahmen gestellt wird.
Anmerkungen